Cynx Cynical World
DigitalCulture
Unerträgliche Politiker des Überwachungsstaates
25. Mai
Heute: Der niedersächsische Justizminister Bernd Busemann (CDU)
Er schickt Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die letzten Liberale des Landes, “Formulierungshilfen” für den Überwachungsstaat, denn:
Die Regelungslücke [gemeint ist die fehlende verdachtsunabhängige Datenspeicherung] führt nach Ansicht der Niedersachsen gerade (…) zu “unerträglichen Ergebnissen”.
Geht es nach Herrn Busemann, so soll in Zukunft noch schneller geschossen werden:
Auf IP-Adressen soll bereits bei “gewichtigen Ordnungswidrigkeiten” zugegriffen werden können.
Leider sagt er nicht, was diese “unerträglichen Ergebnisse” sind. Meinungsfreiheit? Pressefreiheit? Den Grundsatz, dass man ohne Anlass nicht verdächtig ist? Alles total unerträglich für so einen CDU-Politiker. Statt anderen Formulierungshilfen zu geben, sollte man ihm vielleicht eine Denkhilfe geben. Was einfaches am Anfang, so ein Kreuzwort-Rätsel aus der Bild. Später vielleicht Sudoku. Dann wäre er beschäftigt und kann keinen Schaden mehr anrichten. Bei positivem Therapieverlauf wäre vielleicht sogar ein Berufsbild mit Verstand möglich, das bedeutet aber leider ein Abschied von der Politiker-Karriere.
Pressepeinlichkeiten oder “Quelle: Zeitung”
24. Mai
Die Vertreter der Presse schwingen gerne große Worte über Leistungsschutzrechte und wenn es nach ihnen ginge, möchte man am liebsten jeden Halbsatz und jedes Wort einzeln mit einem Zoll belegen. Das Zitatrecht ist ihnen schon lange ein Dorn im Auge und da klagt man auch gerne mal was das Zeug hält.
Anders sieht es natürlich aus, wenn man selber betroffen ist. Da sehen die Verlage das mit diesen Rechten gar nicht so eng, die beliebte “Quelle: Internet” wird gerne und ausgiebig genutzt. Die Wikipedia ist eine tolle Quelle für Artikel und man muss sie nicht mal nennen. Aber was macht man, wenn man keine Bildrechte hat? Die HNA hat da in ihrer Printausgabe eine völlig neue Möglichkeit gefunden:
Man macht einen sehr pixeligen Screenshot von einem Youtube-Video und schon hat man ein Foto für den Artikel – in diesem Fall von Frau Lierhaus und ihrer Rückkehr ins Fernsehen. Sieht man mal davon ab, dass “Quelle: Youtube” ebenso gut ist wie “Quelle: Papier” ist, gibt es noch ein weiteres spannendes Detail. Das geknippste Youtube-Video ist zu 99.9% ein unerlaubter Mitschnitt einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (lässt sich leider nicht prüfen, da … genau: keine Quelle), aber solche Aufnahmen aus dem Winkel und mit dieser Beleuchtung macht niemand privat von Promis und stellt sie dann auf Youtube.
Was lernen wir: Das Wort “Rechte” kommt für Verleger und Verlage vom dem Wort “Bereichern”. Denn wie man diese Rechte auslegt, hängt davon ab, wie man Geld bekommt oder sparen kann.
Kleines Update: Zur Zeit läuft der G8 Gipfel und darin wurde vom Bertelsmann Chef gefordert:
Zu diesem zählt Ostrowski laut seiner Stellungnahme den Respekt vor dem geistigen Eigentum, den Schutz der Pressefreiheit und ein ausbalanciertes Datenschutzregime.
Großartiges Timing!
Guter alter Tech-Journalismus
09. Jan
Der Netcast (1) “This week in tech” gehörte zu den ersten Podcasts, die ich für mich entdeckt hatte und verfolge ihn mittlerweile seit Jahren. Eine Runde aus interessanten Gästen, Journalisten, Aktivisten, Programmierer, diskutieren jeden Sonntag über die Ereignisse der Tech-Branche der letzten Woche. Dabei hat Gastgeber Leo Laporte einen guten Draht zu den richten Stellen und so immer den Finger am Puls der Zeit. Twit schafft es aber trotz des eher trockenen Themas immer unterhaltsam zu sein. So ein Ding, der ein amerikanischer Urinstinkt sein muss, in Deutschland wäre so eine Sendung wahrscheinlich knochentrocken und oberlehrerhaft. Tim Pritlove und Bitsundso sind da leider nur kleine Lichtblicke in Deutschland, es gibt noch viel zu wenig unterhaltsame Tech-Netcasts.
Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf diesen kleinen Werbeblock?
Anlass ist die Sendung 282: The Golden Boys und ihre Teilnehmer:
Leo Laporte, John C. Dvorak, Jerry Pournelle und Larry Magid
Man schaue sich nun mal die Geburtsdaten der Herren an:
Leo Laporte: 1956
John C. Dvorak: 1952
Jerry Pournelle: 1933
Larry Magid: 1947
Alle sind immer noch in der Techbranche tätig, mir soll also niemand erzählen: Für dieses Zeug bin ich zu alt. Bullshit!
Pournelle ist in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme, nicht nur hat er einen Gehirntumor in hohem Alter besiegt und ist ein hochdekorierter SF-Autor, er ist schreibt auch immer noch Artikel über das aktuelle Geschehen in der Techwelt.
Den Netcast gibt es seit einiger Zeit auch als Video zu sehen, in Verbindung mit dem Apple-TV die ideale Fernseh-Unterhaltung. Mein Geld spende ich lieber dort, als in eine dämliche GEZ-Gebühr, die ich nicht mal zu 1% nutze.
Noch ein Wort zu: “Mit kostenlosen Inhalten im Netz kann man kein Geld verdienen”.
Das Twit-TV Network (mit weiteren Podcasts) hat ein geschätztes Jahreseinkommen von $3-4 Mio.
(1) Produzent und Moderator Leo Laporte bevorzugt Netcast, anstatt Podcast. Podcast, sei zu sehr auf ein Gerät bezogen, womit er Recht hat.
Terminator ARD
04. Jan
Es gibt doch nichts Schöneres, als den Tag mit einem Lachen zu beginnen.
So Sprach Monika Piel, Intendantin des WDR zum Tagesspiegel:
Ist Google eine Bedrohung für die ARD?
Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.
Sie hat Qualitätsmedien gesagt! Die ARD! Qualität! Hahaha! Der Programm mit mit Highlights leuchtet wie “Eisbär, Affe & Co.” in der Folge 170 und morgen natürlich 171… Und komm mir jetzt bitte niemand mit Tatort. Eine erfolgreiche Serie, die seit Jahrzehnten totgeritten wird und trotzdem hin und wieder mal glänzt, ist noch lange keine Existenzberechtigung.
Die Gebetsmühle: Google stellt keine Inhalte bereit, sondern verweist nur auf solche, wenn man den Gedanken von Frau Piel logisch zu Ende denkt bedeutet dies, dass die “Qualitätsmedien die Bedrohung für die Qualitätsmedien sind”. Dem kann ich nur zustimmen.
Aber es kommt noch besser:
Den Geburtsfehler des Internets – kostenlose Inhalte – zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig.
“Talk to the hand and hasta la vista, baby!”
Liebe “Qualitätsmedien”, niemand hat euch hier gewollt, verpisst euch einfach. Solltet ihr noch eine Spur Restintelligenz besitzen (und Fremdsprachenkenntnisse), dann empfehle ich euch den Vortrag von Annalee Newitz auf dem 27c3 “Three jobs that journalists will do in 2050 – Why future media may be more powerful (and more subversive) than ever before“, dann werden ein paar von Euch auch noch in der Zukunft einen Job haben.
Aber ich möchte auch Danke sagen. Danke, für den unglaublich großen Motivationsschub endlich wieder mehr zu bloggen und kostenlose Inhalte ins Netz zustellen. Aber keine Angst, ich mache euch keine Konkurrenz, ich recherchiere nämlich vorher.
PS: Inhalte beseitigen könnt ihr ja besonders gut, auch die von uns bezahlten.
2010: Das Jahr des Geeks vs 2010: The year Geek died
29. Dez
Thomas Knüwer nennt das Jahr 2010 das Jahr des Geeks
(…)Letztlich aber wird dies nur eine Übergangsphase werden. Die digitale Technik hat in diesem Jahr die Herrschaft übernommen – und wird sie nicht mehr abgeben. Die Geeks haben gewonnen.
Fast zur gleichen Zeit schreibt Patton Oswald in Wired: Wake Up, Geek Culture. Time to Die
Here’s the danger: That (Geek Culture everywhere) creates weak otakus.
Was Herr Knüwer beschreibt, sind keine Geeks (können es aber sein). Es sind normale Menschen im 21. Jahrhundert. Zum Geek sein gehört auch immer eine gewisse Unbequemlichkeit und nicht in die Gesellschaft zu passen, durch Wissen, Neigungen und sozialen Umgang.
Aber in einem hat Herr Knüwer Recht: 10 Jahre im 21. Jahrhundert wird es Zeit, dass die Gesellschaft den Fortschritt annimmt.
Die dpa, die Wahrheit und die Verwertung
27. Dez
Über den Umgang der Presse mit dieser merkwürdigen Subkultur namens “Hacker” hatte ich schon mal geschrieben: Hacker für Journalisten.
Zur Zeit ist der Chaos Computer Congress in Berlin und natürlich blickt auch die Presse dorthin in der Hoffnung neue – möglichst skandalträchtige – Meldungen zu bekommen. Oder besser, sie lassen blicken und zwar mit der dpa.
Am Beispiel meiner Lokalzeitung der HNA, sieht das dann so aus:
Chaos Computer Club: Mastercard und Visa nicht angreifen
Berlin – Der Chaos Computer Club (CCC) hat Hacker dazu aufgefordert, sich in der Debatte um Wikileaks nicht an Angriffen auf Unternehmen wie Mastercard oder Amazon zu beteiligen.
Das ist in so ziemlich jedem Punkt falsch, den man sich nur denken kann. Der Sprecher Rop Gonggrijp hat die Eröffnungsrede gehalten und diese Forderung nicht mal am Rande erwähnt. Abgesehen davon ist es ziemlich gewagt zu schreiben, dass der CCC etwas fordert. Das würde nämlich dann die Pressestelle sagen und wäre auf der Webseite lesbar.
Was hat er denn nun gesagt? Da es die Talks noch nicht online gibt, greifen wir auf dieses moderne Medium namens Twitter zurück. Dort wurde der Talk auch dokumentiert.


Lese nur ich da etwas ganz anderes hinaus?
Ich bin ein netter Mensch und habe die HNA auf ihren Fehler hingewiesen, als Antwort bekam ich nur diese Meldung.

Danke, das wusste ich schon. Geändert haben sie natürlich nichts, geantwortet auch nicht mehr.
Wirklich übel daran ist: Es gibt immer noch Menschen, die nach der Devise leben “Das steht in der Zeitung, also muss es wahr sein.” und es sind nicht wenige.
Update: Den Talk von Rop gibt es nun auch schriftlich
Whatever our role is, it is certainly not to deny freedom of speech to people or organizations who don’t like freedom of speech. This whole Anonymous thing is so getting on my nerves. People ask me “Anonymous… That is the hackers striking back, right?” And then I have to explain that unlike Anonymous, people in this community would probably not issue press release with our real names in the PDF metadata. And that if this community were to get involved, the targets would probably be offline more often.
This is a mental maturity issue: our community has generally succeeded in giving black belts in computer security karate only to people that have proven a certain level of mental maturity. Yes, some of us could probably do some real damage to Paypal and Mastercard. But then we also understand that no good comes from that. If the unlikely event that someone here has not yet reached this level of maturity, please do not connect your machine to the network and talk to some of the other people here for additional perspective.
On the positive side, some of the issues we care about are going to be getting lots of attention, and this attention can be used for good if we keep our wits about us.
“a mental maturity issue” sagt Rop, die Nachrichtenagentur sind bis dahin noch nicht gereift. Für sie gilt weiterhin das alte Zeitungs-Motto: “We make news – not truth.”
Die Prophezeiungen des Ray Kurzweil
24. Dez
Ray(mond) Kurzweil ist einer der Pioniere in der Computertechnologie: optische Mustererkennung, Sprachsynthese, Synthesizer, in all diesen Gebieten hat er wichtige Grundlagen gelegt. In den letzten Jahren ist er aber als Zukunftsforscher bekannt geworden, u.a. mit seiner “Long Bet One”. Spätestens 2029 soll die erste künstliche Intelligenz den Turing Test bestehen, ansonsten bezahlt Kurzweil $20.000.
In seinem Aufsatz “How my predictions are faring” blickt er (aus der Sicht vom Oktober 2010) auf seine bisherigen Aussagen zurück. Knapp 150 Seiten Analyse, die einen gespannt auf das neue Jahr blicken lassen.
Aktuelle Literatur zur (Netz-)Politik
11. Dez
Future Shock – Alvin Toffler
In the book, Toffler defines the term “future shock” as a certain psychological state of individuals and entire societies. His shortest definition for the term is a personal perception of “too much change in too short a period of time“.
Wikipedia (natürlich mal wieder nichts in der deutschen Version)
Erschienen 1970, Weltbestseller mit >50 Übersetzungen.
Shockwellenreiter – John Brunner
First we had the legs race. Then we had the arms race. Now we’re going to have the brain race. And, if we’re lucky, the final stage will be the human race.
Die literarische Antwort auf Toffler, Nick Halflinger macht sich die (Future-)Schockwelle zu eigen und surft auf ihre durch die immer enger werdende Staatsmacht. Erschienen 1975.
Schafe blicken auf – John Brunner
No one except possibly the late John Brunner, in his brilliant novel “The Sheep Look Up,” has ever described anything in science fiction that is remotely like the reality of 2007 as we know it.
William Gibson in einem Interview
Erschienen 1972 mit dem wundervollen Zitat: “Um ein wertvolles Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man zu erst einmal ein Schaf sein.”.
Ist alles also nicht ganz so neu…
Hacker, Der: Für Journalisten
09. Dez
Liebe Journalisten(1),
es ist erfreulich, dass ich euch endlich auch mal dem Netz und seiner Kultur widmet. Allerdings versagt ihr dabei wieder einmal auf ganzer Linie. Da gibt es dieses Ding, welches sich Recherche nennt und manchmal ist es einfach sinnvoll auch vermeintlich bekannte Dinge noch mal kurz zu hinterfragen. Zum Beispiel diese “Hacker”, die gerade Webseiten angreifen (in einigen Texten auch “hacken”).
- Ein DDoS ist kein Hacking. Man lädt ein Programm und startet es. Ende. Das könnt ihr doch auch, oder?
- Die Wikipedia definiert den Hacker recht passend:
In einem übergreifenden Sinn umfasst ‚Hacker’ experimentierfreudige Personen, die mit ihren Fachkenntnissen eine Technologie beliebiger Art außerhalb ihrer normalen Zweckbestimmung oder ihres gewöhnlichen Gebrauchs benutzen. (…)
Ein Hacker besitzt tiefe Grundlagenkenntnis, ein Skriptkiddie nicht. Innerhalb des Boulevardjournalismus und der Politik werden beide Ausdrücke gewöhnlich nicht unterschieden
Bonus: Wenn eine “Hacker-Gruppe” sich Anonymous nennt, solltet ihr mal nachdenken warum das so ist und dann wieder einmal die Wikipedia befragen.
Danke.
(1)Die wenigen erfreulichen Ausnahmen, können weiter Artikel schreiben.
Digital Hardcore Dokumentation
08. Dez
Eine niederländische Dokumentation, die aber in gut verständlich ist. Zeit mal wieder die alten Platten aus dem Schrank zu holen.
Die Musik wird elektronisch erzeugt, meistens mit alten PC-Systemen wie Atari, C64 und Amiga und zeichnet sich durch ihre besondere Härte aus. Sie enthält viele Elemente, die auch im Hardcore-Punk, Electropunk, Electronica, Hardcore Techno, Gabba, Breakcore und Breakbeat zu finden sind. Die Texte haben oft eine eindeutige politische Ausrichtung. Sie sind stark anarchistisch, antifaschistisch und feministisch geprägt.
Wikipedia
Weiter after the break
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