Cynx Cynical World
Debakel um Mitternacht
Den älteren Fans fantastischer Literatur sind die peinlichen Cover, Titel und Klappentexte der Fantasy- und SF-Büchern früherer Zeiten noch gut in Erinnerung. Man konnte sehr gut erkennen, dass alles was auf dem Buchumschlag gedruckt wird, fest in Händen der Marketingabteilung ist, die meistens nicht ein µ Ahnung von dem Inhalt haben. Aber die Zeiten haben sich gebessert und man muss die Bücher mit dem Boris Vallejo Bonbon-Cover nicht mehr peinlich berührt in die zweite Reihe verbannen.
Bei Randomhouse ist allerdings einer dieser alten Marketing Zombies Helden vergangener Zeiten wieder aus dem Grab gekrochen und durfte ein Buch “gestalten”. Dabei hat er sich gleich ein Flaggschiff aus der Verlagsreihe ausgesucht, man will ja auch nicht kleckern. Der neueste Terry Pratchett Roman wird mit diesem Cover erscheinen:

Wir schreiben das Jahr 2010 und jemand schreibt tatsächlich noch “Märchen” auf einen Fantasyroman?! Ganz abgesehen davon, dass die Romane von Pratchett seit langer Zeit Satiren auf unsere Gesellschaft sind und es sich bei dem Buch auch im literarischen Sinn nicht um ein Märchen handelt, hatte ich diese Zeiten eigentlich überwunden geglaubt.
Das Cover ist billig gemacht (Kobolde? Really?) und passt zum Titel. Nur hat dieser Titel so gar nichts mit dem Original (oder dem Inhalt) zu tun. “I shall wear midnight” enthält zwar das Wort Mitternacht, nur taucht in dem ganzen Buch kein Mitternachtskleid auf.
Der Titel zitiert “A hat full of sky” (ebenfalls Pratchett): “When I’m old I shall wear midnight, she’d decided. But for now she’d had enough of darkness.”. Beide Bücher haben die gleiche Protagonistin, in “A hat” als 11-jährige, in “Midnight” als 16-jährige. Selbst dem Unbelesene könnte jetzt ein Licht aufgehen, dass es hier einen Zusammenhang gibt.
… und er ging hinaus und weinte bitterlich (Lk. 22,62)
Danke an Tom für den Hinweis
In die gleiche Kerbe:
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Cynx am 23. November 2010 um 07:57 veröffentlicht und unter Buch abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |



vor 1 Jahr
Immerhin die kleinen blauen Männer (Nac Mac Feegle) dürften, in diesem 4. Buch aus Pratchetts Scheibenwelt-Romanen die sich um Tiffany Aching drehen, wirklich vorkommen. Auch dreht es sich bei dem zitierten Ausschnitt “When I’m old I shall wear midnight, she’d decided. But for now she’d had enough of darkness.” tatsächlich um die Kleidungsfarbe, so daß man “I shall wear midnight” durchaus mit Mitternachtskleid übersetzen könnte, allerdings stellt sich da die Frage, ob man wirklich alles halbwegs wörtlich übersetzen muss, gerade in einem Buchtitel. Die Umschlagsgestaltung finde ich auch unsäglich langweilig und trauere immer noch Paul Kidby nach, dessen Illustrationen lange Zeit die Umschläge von Pratchetts Büchern geliefert haben, in unnachahmlichem Stil, immer passend zur Geschichte die im Inneren erzählt wird, allerdings muss man der Fairneß wegen sagen, daß der Umschlag dieser deutschen Ausgabe nicht wesentlich schlechter ist, als die der Ausgaben von Doubleday oder Harper Collins (wobei bei einer Gegenüberstellung jederzeit die Doubleday-Illustrierung verlieren würde), aber nicht schlechter als die anderen ist noch lange nicht gut. Die Bezeichnung “Märchen von der Scheibenwelt” hat mich schon beim ersten Band der Reihe “Wee Free Men” gestört und sollte wohl ein mißlungener Versuch sein die Tiffany Aching-Story etwas von den anderen Scheibenweltstorys abzugrenzen, da die Zielgruppe eigentlich Jugendliche waren, wobei mir persönlich die Bände auch von Anfang an gefallen haben, eine Absetzung die im englischsprachigen Raum übrigens nie vorgenommen wurde. Auch hier handelt es sich wohl um die manchmal vorliegende Unvereinbarkeit von wörtlichen Übersetzungen (fairy tale ist zwar wortwörtlich ein Märchen, kann aber im Englischen durchaus auch einfach eine Geschichte über Elfen und Kobolde sein), aber über diese dadurch manchmal entstehenden Unsäglichkeiten hatten wir es ja schon am Wochenende. Ob der Titel zum Inhalt passt, kann ich leider noch nicht sagen, da das Buch auf meiner Julgeschenkeliste ist (sabber!), allerdings im Original. Ich bin auf jeden Fall gespannt.
vor 1 Jahr
Die Feegles Kobolde nennen… Mensch, Alex! Am Samstag erkläre ich Dir mal die Unterschiede.
vor 1 Jahr
Bei dem Cover kommen mir irgendwie die Tränen, wobei ich den von “Der Club der unsichtbaren Gelehrten” irgendwie noch schlimmer finde. Das manche Titel sehr seltsam übersetzt werden, kennt man ja. Bestes Beispiel “Mort” “Gevatter Tod”.
vor 1 Jahr
Ich gab und gebe wenig auf Cover, und das ist auch gut so. Aber diese Unart die Scheibenweltromane (die übrigens bis einschließlich Making money – schöne Scheine auch genau so bezeichnet wurden) als Märchen einzusortieren ist nicht nur ein kleiner Schnitzer, es irritiert auch Stammleser. Großes Marketingfail, das ganze.
vor 1 Jahr
Moin.
Das mit dem Zitat aus “A hat…” ist mir gar nicht aufgefallen. Schöne Beobachtung, Alex. Der titel stammt allerdings aus diesem Roman selbst (S 288):
“But not in a black dress, I notice …?”
(…)”When I am old I shall wear midnight,” she said.
“Entirely appropriate,” said the pastor, “but now you wear green, white ans blue, the downland colours, I can’t help noticing!”
Tiffany was impressed.
Man sieht also: Ja, es geht um die Kleidungsfarbe – aber eben darum, KEIN Kleid dieser Farbe zu tragen. so wie es Mr. Weatherwax auch nicht tut. “(…) wearing black not because it’s stylish or mystical but because it’s practical.” ‘Witches abroad’, glaube ich. bin mir nicht ganz sicher.
ABER – Alex, du darfst die Feegles Kobolde nennen. Ein wenig speziell, ja, aber sie werden in “Wee Fre Men” als Stamm der ‘Pictsies’ bezeichnet, also eine “Mischung”aus Pikten (den blauen Pre-Kelten aus Schottland) und Pixies. Wobei sich Pixie als bekanntlich als ‘Kobold’ übersetzt.
… ich würd’s nur nicht tun, wenn sie in der Nähe sind. Crivens. *g*
Dritter Punkt: Doch, in den UK ist die Tiffany-Aching-Reihe neben ‘The Amazing Maurice …’ als ‘Young readers’ Material eingestuft worden – im Gegensatz zum Rest.
Und wie ich gerade feststelle, trägt Maurice auf Deutsch auch den Titel “Maurice, der Kater – ein Märchen aus der Scheibenwelt”. Nur dass es hier ja stimmt. Daher wohl das ganze Problem.
vor 1 Jahr
Hab ich da gerade wirklich “Mr. Weatherwax” geschrieben?!
Ms. war natürlich gemeint. *ggg*
vor 1 Jahr
“…wobei bei einer Gegenüberstellung jederzeit die Doubleday-Illustrierung verlieren würde…”
Tja, so unterschiedlich können Geschmäcker sein; mit Paul Kidby hat man m.E. (nach Josh Kirby) endlich wieder einen “echten” Illustrator gefunden. Insofern finde ich dessen Cover von Doubleday 1000x besser als diese unsagbar hässlichen Harper Collins/Manhattan Computer-Illustrationen.
“I shall wear Midnight” ist sogar mein neues Lieblingscover.