Cynx Cynical World
Die hohe Literatur [TM]
In den Feuilletons der letzten Monate fand sich immer wieder ein Beitrag eines wirklich intellektuellen und belesenen Autors, wie schlimm es doch um die Leselandschaft bestellt sei. Entweder es wird zu wenig gelesen oder (meist noch schlimmer) das Falsche. “Falsch” sind zum Beispiel Bücher, die einen unterhalten. Sei es durch ihr Wissen, Witz oder Handlung. Nur wenn auch das Lesen selbst zu einem Drama wird, handelt es sich um “gute” Literatur. Die Schreiber sehen den Untergang des Buches am Horizont und meinen Segen haben sie. Wenn ich mich durch ein Buch quälen muss, kann es auch gerne untergehen. Wer es nicht schafft ein schwieriges Thema in eine vernünftige und lesbare Handlung zu packen, der schreibt keine hohe Literatur, sondern Müll.
Man sollte denken, dass Klassiker vor dieser Hetzjagd verschont bleiben…. denkste. Bei Eines Tages bin ich auf den Artikel “Echte Germanen” gestoßen, der sich auf das Buch “Lesen unter Hitler” bezieht. Was haben die alten Nazi-Deppen eigentlich so in ihrer Freizeit gelesen. Spannend dachte ich mir…
Das “unpolitische Mittelmaß” dominierte die Bestsellerlisten (…) Während des Zweiten Weltkrieges nahm die Nachfrage nach seichten Stoffen noch zu, so Adam. “Fluchtlektüre erschien jetzt so wertvoll wie nie zuvor.”
In der Liste der mittelmäßig-seichten Autoren finden wir dann:
Jules Verne, Jack London, Alexandre Dumas, natürlich Karl May, sogar Hermann Hesse.
Nun ja, mir fehlen etwas die Worte.
In die gleiche Kerbe:
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Cynx am 3. September 2010 um 14:03 veröffentlicht und unter Buch abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |



vor 1 Jahr
Ja, da greift wieder einmal die Faustformel der “Hochstapler der Literaturkritik”: “Gut gemacht und gern gelesen? Das wär’ nichts für uns gewesen!”
Damals, zu Schulzeiten, hatte ich in eine Textanalyse über ein Kapitel aus Thomas Manns Buddenbrocks den Satz hineingeschrieben, ohne seinen komplizierten Satzbau würde Mann heute unter Germanisten als “Durchschnittsschriftsteller” und die Buddenbrocks als “ein weiterer Roman über eine Familiengeschichte” gelten.
Also, liebe Schriftsteller: Legt ihr im deutschen Sprachraum Wert auf Nachruhm, dann schreibt bloß nicht klar, einfach und eingängig!
vor 1 Jahr
»Fluchtlektüre«? Sorry, aber das sagt doch schon alles darüber, wessen Geistes Kind der Typ ist.
vor 1 Jahr
Da gab es doch vor einiger Zeit so einen Typen, ich glaube Johann Wolfgang SoundSo hieß der.
Der hat doch tatsächlich einmal gemeint:
“Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man daraus lerne, sondern damit man wisse, daß der Verfasser etwas gewußt hat.”
Vielleicht hatte der ja Recht?
vor 1 Jahr
Da ist es doch direkt angenehm heute, wenn man sich als Germanist heutzutage mit “Trivialliteratur” befassen darf. Man wird zwar immer noch etwas schräg angeschaut, vor allem wird die Professorin etwas belächelt, aber es besteht zumindest die Möglichkeit.
Aber was ich immer noch nicht ganz verstehe, ist, dass im Englischen nie eine so krasse Unterscheidung zwischen z.B. Science-Fiction und “hoher” Literatur gemacht wird. Nehmen wir Dick, Asimov, Bradbury, Gibson. Ihre Werke als Trivialliteratur zu bezeichnen, läge mir fremd. Aber wieso gibt es etwas Vergleichbares nicht in der deutschsprachigen Literatur? Sind wir dermassen auf den Kanon der einflussreichen Germanisten, auf die Tradition fixiert, dass wir uns nicht getrauen, deutscher (Science-)Fiction einen vergleichbaren Stellenwert zuzuschreiben? Zugegeben, deutsche Science-Fiction ist nicht das beste Beispiel, aber vielleicht gibt es irgendwo da draussen einen grossartigen Roman, der unter dem Etikett “_nur_ Sci-Fi” leidet, aber etwas Besseres verdient hätte.
Gruss Vega
PS: Übrigens ein sehr schöner Blog. Gefällt mir sehr.
vor 1 Jahr
Im angelsächsischen Raum käme auch niemand auf die die Idee zwischen E-Musik und U-Musik zu unterscheiden, ein ähnliches Beispiel. Es scheint so ein deutscher Zwang zu sein, dass etwas Unterhaltsames nicht “wertvoll” sein kann. Ich finde gerade unterhaltsam und wertvolle Inhalte zu haben ist die hohe Kunst. Ein schönes Beispiel hatte ich vor kurzem auf einem Kongress. Dort wurde (das von mir sehr geschätzte) Buch “Little Brother” von Cory Doctorow als “ganz nett” abgetan. Inhaltlich sei es sehr lobenswert, aber der Autor würde keine Metaphern benutzen und dürfe sich daher nicht zur Literatur zählen. Man ist als nur hohe Literatur, wenn man seinen Inhalt in Bilder packt und nicht schreibt wie es ist? Eine sehr merkwürdige These… Zudem sich Little Brother an ein jugendliches Publikum richtet, dass wahrscheinlich mehr wert auf eine gute Geschichte, denn blumenhafter Sprache legt.
Herzlichen Dank für das Kompliment
vor 1 Jahr
Ich nochmals
»Inhaltlich sei es sehr lobenswert, aber der Autor würde keine Metaphern benutzen und dürfe sich daher nicht zur Literatur zählen. Man ist als nur hohe Literatur, wenn man seinen Inhalt in Bilder packt und nicht schreibt wie es ist? Eine sehr merkwürdige These… Zudem sich Little Brother an ein jugendliches Publikum richtet, dass wahrscheinlich mehr wert auf eine gute Geschichte, denn blumenhafter Sprache legt.
Das erinnert mich wiederum an den Film “Club der toten Dichter”, wo irgendein verschrobener, traditionalistischer Lehrer einen Graphen an die Wand zeichnet; x-Achse: Güte des Werks, y-Achse: Anzahl Metaphern.
Du weisst, worauf das hinausläuft
Erschreckend, dass es immer noch Leute gibt, die so denken.