Cynx Cynical World
Das Beispiel Helene Hegemann
Es rumpelt gewaltig im Blätterwald. Eine junge Frau schreibt ein erfolgreiches Buch und dann stellt sich heraus, dass sie einige Passagen von jemand anderen übernommen hat. Diesen nicht zu fragen ist sicherlich etwas unhöflich, aber es ist ein sehr schönes Beispiel wie die “echten” Digital Natives – Menschen, die nur mit digitaler Kommunikation groß geworden sind – mit Inhalten umgehen. Alles ist eine Kopie. Es ist das ureigenste Wesen digitaler Medien zu kopieren (siehe auch “Falscher Planet, Falsches Jahrhundert“).
Sind Inhalte irgendwo zu finden, werden aufgenommen, eingebaut, verändert, weitergegeben, in einen anderen Kontext gesetzt. Es ist eine Normalität des Lebens und weckt einiges, aber sicherlich kein Unrechtsbewusstsein.
Darüber kann man meckern, schmollen oder sonst wie seinen Blutdruck in die Höhe treiben, ändern wird sich daran nichts. Die Welt ist so und jede kommende Generation wird genau so aufwachsen. Es sei denn wir verzichten auf digitale Medien. Ist der Aufwand zu groß gibt es auch keine Kopie mehr, aber eines ist dann auch sicher: Die Welt wird unendlich ärmer werden, denn “Kopien” schaffen Kunst! Ich zitiere mich selber, wie es ohne Kopien und Abschreiben aussehen würde.
Murnau hätten wir nie kennen gelernt, Bernsteins “West Side Story” wäre nie entstanden, da es nur eine “billige” Romeo und Julia Kopie ist. Niemand, der traurig “Maria” in den Straßen singt und “nichts ist besser in Amerika”. Wir hätten nie das bezaubernde Lächeln von Julia Roberts in Pretty Woman kennen gelernt, denn My Fair Lady würde irgendwo in den Archiven alles blockieren. Keneth Branagh wäre wahrscheinlich nicht mit lauten “Cry Harry, England and St George!” in die Schlacht geritten. Tarantino würde sich wohl schwer tun seine Filme mit Zitaten zu füllen.
Symphonie der Zerstörung
Meiner Meinung nach handelt es ich bei den ganzen Aufregern um neidische Beisitzer, die den Nebeneffekt völlig verkennen. Auch der original Autor ist nun in der Presse, was er ohne den Erfolg von Helene Hegemann wohl nie geschafft hätte. Wahrscheinlich können wir bald zwei gute Bücher lesen, was noch erfreulicher ist. Leider wird keines der beiden Bücher von den Neidern geschrieben worden, aber die können sich in ihrem Kämmerlein weiter aufregen. Die Welt wird sich dennoch weiter drehen. Falscher Planet, falsches Jahrhundert.
Kopieren ist bei mir übrigens ausdrücklich gewünscht! Alles was ich so mache steht prinzipiell unter CC-Lizenz. An diesen Urheber-Dreck glaube ich nicht, sonst hätten wir immer noch kein Rad erfunden.
In die gleiche Kerbe:
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Cynx am 9. Februar 2010 um 16:07 veröffentlicht und unter Buch, Denken abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |



vor 2 Jahren
Man werfe auch mal einen Blick auf die Newsmeldungen, die allenthalben kursieren, auch und gerade bei den Verfechtern des sogenannten “Qualitätsjournalismus”: Allzu oft findet man hier etwas, das ich als “coyp&paste-journalism” bezeichnen möchte, wenn eine Pressemeldung oder eine News stumpf einfach kopiert und auf der eigenen Seite/Zeitung veröffentlicht wird, statt selbst was zu dem Thema zu verfassen (und wenn man es nur in eigene Worte fasst, würde schon reichen). Im Prinzip ist das ja auch nix anderes und kann auch nicht mehr als Zitat durchgehen.
Und genau diese “Qualitätsjournalisten”, die sich bekanntermaßen auch gern mal ohne Rücksprache oder Bezahlung bei Bloggern bedienen, zerreissen sich jetzt das Maul über Helene Hegemann…
Gegen Urheber und Urheberrechte ist erstmal nix einzuwenden, auch der Urheber soll ja von was leben können. Was aber unbedingt so schnell wie möglich weg muss ist die unsägliche und unerträgliche “Rechteverwerter”-Mafia, die Milliarden scheffelt und die eigentlichen Urheber am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Oder eine GEMA, der kleine Bands ihre eigenen Konzerte bezahlen müssen, ohne jemals einen Pfennig von denen zu sehen…
vor 2 Jahren
Ähem, es gibt da schon einen Unterschied zu West Side Story vs. Romeo und Julia oder Pretty Woman vs. My Fair Lady: es hat ja keiner was dagegen, Grundmotive oder Handlungsstränge, Personen oder Motive zu übernehmen. Daraus wird dann wieder was eigenes geschaffen.
Die liebe Helene hat aber ganze Textpassagen einfach wortwörtlich übernommen (was man von obigen Werken ja nun nicht sagen kann, oder?). Viele Formulierungen sind nicht ihr eingefallen. Da kann man schon mal verlangen, das kenntlich zu machen oder einfach selber mal das Hirnkasterl anzustrengen. Es ist ja auch nicht OK (und wird es nie sein) Referate und Diploamarbeiten einfach so aus Fragmenten zusammenzustöpseln, ohne jeglichen Eigenanteil, oder?
Ob das nun die Aufregung rechtfertigt? Pff….
vor 2 Jahren
Motive sind ja auch begrenzt, wie aktuell ja auch “Avatar” zeigt, dass – je nach kulturellem Schwerpunkt – entweder Pocahontas oder Winnetou I ahnelt.
So wie ich das verstehe hatte Helene Hegemann ganze Passagen literarischer Formulierungen übernommen ohne darauf hinzuweisen. Zitieren und neu machen ist das eine, aber sagen, man war es selbst ist schon was anderes.
Sich jetzt aufregen? Naja, bislang hieß es immer “das Internet” klaut sich alles zusammen, jetzt wurde aus dem Internet was in ein Buch übernommen. Und dann ist der Vater selber aktiver Künstler und Professor für Dramaturgie, was mir erklärt, wie die Hase zum Verlag gelaufen ist.