Cynx Cynical World
Lokalpolitik im Global Village
Die eingesessene Politik hat Angst, denn sie versteht die Welt nicht mehr. Ihr altes Deutschland hatte klare Regeln:
- Die Politik des Staates: Behäbig, langsam und nur zu verändern, wenn man in den richtigen Kreisen ist und sich mühsam dahin hochgedient hat. Bis man an eine relevante Position kommt, muss man durch die Mühlen der Ämter der renomierten Parteien getreten sein. Kein Wunder, dass Fachleute dort eher selten zu finden sind, denn die haben besseres zu tun.
Konkrete Probleme werden nur selten und wenn dann sehr langfristig angegangen. Es sei denn man will einen publizistischen Erfolg vermelden, dann wird auch schon mal mit Geschwindigkeit ein neues Gesetz durch gedrückt (Waffengesetz, Internetzensur).
Die Politik, die hier gemacht wird besteht nicht aus 100% Überzeugung des Politikers, sondern immer auch mit dem Blick auf die Meinungsumfragen. Fallen die schlecht aus, wird auch die eigene Meinung gekippt. - Die Politik des Landes: Ähnlich wie oben, vielleicht eine Spur pragmatischer, da die Bürger näher dran sind. Ansonsten ist die gleiche Mischung aus Trettmühle Parteiämter zum Aufstieg, und Überzeugung gegen Meinungsumfragen tauschen. Aber die Bürger werden manchmal gehört und das liegt an der Nähe zur
- Lokalpolitik: Wer mal selber dort aktiv war, kennt das. In der Lokalpolitik ist alles anders. Je kleiner der Ort, um so unwichtiger werden Parteibücher. Man sucht sich Koalitionen dort, wo die Meinungen passen und nicht die Farbe des Wahllogos. Umfragen spielen keine Rolle, denn hier geht es nicht um kaum greifbare Themen, sondern Themen die jeder Einwohner sofort bemerkt und selber bewerten kann. Hat der Kindergarten genügend Raum, ist die Straße so noch tragbar… ganz praktische Themen, bearbeitet von den Menschen die damit zu tun haben.
Womit wir bei dem Unverständlichen für unsere Politiker sind:
Unsere Dörfer heißen nicht “Bratzeloh“, “Manswow” oder “Enkelsborn“, sondern Facebook, Xing und VZ, unsere Kneipen nicht “Zur Linde“, “Biertunnel” oder “Anglerheim“, sondern Twitter, Forum, Usenet, Chat, unsere Vereine heißen nicht “TSV“, “Schützenbund” oder “Kaninchenfreunde“, sondern “Delta Clan“, “Finwels Gilde” oder “#nachtchat“.
Die Infrastruktur unseres Dorfes heißt Internet, den Begriff “Datenautobahn” vermeide ich mal, obwohl er hier schön ins Bild passt. Um in diesem Dorf zu wohnen und seine Freunde zu treffen, muss man nicht irgendwohin fahren. Man schaut da auch nicht hin und wieder vorbei, sondern ist eigentlich immer da, ansonsten ist da noch der “Anrufbeantworter” namens Email, der gerne eine Nachricht aufnimmt.
Obwohl die Bewohner dieses Global Village “@Dorf” quer durch Deutschland verteilt wohnen, machen sie in ihrem Dorf Lokalpolitik. Es gibt konkrete Probleme, konkrete Anliegen, die konkrete Lösungen erfordern. Wer vor diesem Publikum mit den Blick auf die Meinungsumfragen tritt, macht sich genauso keine Freude, wie in der anderen Lokalpolitik, wenn der neue Kindergarten auf Grund von Lärm abgelehnt wird.
Diese Grundhaltung ist aber auch ein Problem für die @Dorf bewohner, denn mit unserer direkten Art finden wir bei den Bewohnern der anderen Dörfer kein Verständnis oder gar Zustimmung. Unsere Regeln und Sitten sind erstmal zu anders und zu fremd, selbst die Sprache ist eine andere. Eine Annäherung ist nötig, aber ohne dabei den ausgetretenen Weg, der Meinungsumfragen-Anpassung zu betreten.
So ganz unrecht hat die Politik allerdings nicht, etwas Angst sollte sie haben, denn auch die anderen Dörfer werden erkennen, dass der alte Weg nicht mehr gangbar ist und die alte Klasse in den Ruhestand gehört.
Via Internet könnten dann Unentschlossene [zur Wahl] mobilisiert werden.
Bei diesem Satz müsste das Herz eines jeden Demokraten doch höher schlagen, gemeint ist damit aber das genau Gegenteil, denn der Bundeswahlleiter Roderich Egeler hat Angst vor Twitter und fürchtet dieses Szenario.
Hoffentlich zu recht.
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| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Cynx am 27. Juni 2009 um 14:01 veröffentlicht und unter Denken abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |


